FROM FLOURISH TO FALL & FACES
Mao Tongqiang

 
 

mao tongqiang
files no.121, 1998-2001
200 x 200 cm

wig no.13, 2004, 180 x 120cm, no.25, 2005, 180 x 120cm

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wig no.12, 2004, 180 x 120cm, wig no.11, 2004, 180 x 120cm




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wig no.19B, 2005, 200 x 250 cm

wig. no 14, 2005, 180 x 250 cm

FACES

Als eine der interessantesten Kunstszenen etablierte die chinesische in den letzten Jahren eine fixe Position innerhalb der internationalen Art Community. Der intensive Dialog mit der westlichen Kunst seit 1979 und der von kulturellen, sozialen und ökonomischen Spannungen begleitete Veränderungsprozess der chinesischen Gesellschaft haben auf dem Kunstsektor zu einer facettenreichen Reaktion und spannenden Entwicklungen geführt, welche auch einen aktuellen, kritischen und distanzierenden Kommentar zum Wertsystem der globalen Marktwirtschaft beinhalten. Die vordringliche Frage nach der Identität, ein brisantes Thema der internationalen zeitgenössischen Kunst bestimmt in China den Dialog mit dem Westen vor dem Hintergrund einer der ältesten Kulturen der Menschheit. Kosmetikindustrie und Haute Couture schaffen im China des 21. Jahrhunderts ein differenziertes Erscheinungsbild der Menschen in krassem Gegensatz zum Maoistischen Weltbild.

In der „wigs“- Serie interpretiert Mao Tongqiang das Thema Perücke als malerische Metapher für die Provokation illusorischer Identitäten durch die Kosmetikindustrie. Das aktuelle Motiv wurde 1999 von Kutlug Ataman in seinem Video „Women who wear wigs“ in den internationalen Kunstdiskurs als transnationales Zeichen zur Problematik der kulturellen Identität eingeführt. Themen der Verletzlichkeit, Identitäts- und Sprachverlust klingen an in der ephemeren Brillanz des künstlichen Haarmotivs aus Maos Serie. Die eigenartig androgynen Köpfe erscheinen isoliert in einer surrealen, melancholischen Atmosphäre wie seltene, exotische Blüten. Dabei entwickeln die dargestellten Perücken ein subtiles Eigenleben durch die Künstlichkeit ihrer schillernden Leuchtfarben und die exzessive malerische Gestik, welche das Ebenmaß und die Ruhe in den glatten Gesichtern kontrastieren. Der Darstellungsmodus erscheint ebenso künstlich und widersprüchlich wie die Persönlichkeit der Perückenträgerinnen, indem Mao Tongqiang die Problematik der künstlerischen Appropriation als genuines Thema der zeitgenössischen Kunst Chinas darstellt.

Während Chinese Pop seinen Stellenwert als internationales Phänomen am Kunstmarkt behauptet erscheint die Auseinandersetzung von Mao Tongqiang mit der Kunst des Westens differenziert und komplex. In der Serie „files“ adaptiert er die von Andy Warhol praktizierte Siebdrucktechnik. Im Gegensatz zur Objektivität der Reportagebilder Warhols in serienmäßiger Wiederholung entfalten Maos Portraits eine eminent subjektive Wirkung. Durch den Störfaktor verschiedener malerischer Eingriffe wird die Abbildhaftigkeit des Dokumentarfotos in einem schmerzhaften Verarbeitungsprozess aus der Anonymität ins Bewusstsein einer kollektiven Vergangenheitsbewältigung gerufen. Die Serie portraitiert Verstorbene, welche durch misslungene Operationen, Unfälle oder Selbstmorde Opfer der Grausamkeit und Tragik der gesellschaftlichen Realität wurden. Auf dem Gebiet der Gegenwartsmalerei thematisiert die Serie „files“ den Fluss der Zeit in einem Prozess der schmerzhaften Vergegenwärtigung ganz im Gegensatz zur Distanziertheit der Konsum- und Gesellschaftskritik der Pop Art. In seinen Übermalungen konstatiert Mao den Reflex des Individuums, der, dokumentiert in einzelnen Erkennungsfotos, als Vermerk in den Akten, versiegelt, allmählich verblasst. Durch die obsessive Beschäftigung mit Zeit, Identität, Tod und Erinnerung unterscheidet sich Maos „files“ Serie von der Pop Art und erinnert im subjektiven Umgang mit Erfahrungen des Verlusts an vergleichbare Erscheinungen des Westens wie die Installationen Christian Boltanskys. Durch die Kombination von im Siebdruck reproduzierter Fotografie, Zahlen, Schriftzeichen und verschiedenen Übermalungen entsteht die vielschichtige Oberflächenstruktur der Bilder als Eindruck einer sensiblen Membran, die in ihrer Verletzlichkeit auf das Postulat der sozialen Verantwortung der Kunst in unserer Zeit verweist.

 

Text: © Galerie Suppan Contemporary Wien

 

 

 

 

 

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