Sabrina Horak vertritt eine singuläre Position zwischen Skulptur, Malerei und Fotografie. Ihr Sujet sind Menschenmassen, wie sie in den internationalen shopping malls als globales Phänomen auftreten. Die Megacities Japans, wo sie zwei Jahre an der University of Art and Design in Tokyo Malerei studierte, boten Anschauungsmaterial. Ausgangspunkt ihrer Gestaltung ist der fokussierte Blick durch die Kamera. Die solchermaßen mediatisierte Erfahrung der Stadt und ihrer Bewohner transponiert Sabrina Horak in das Medium der Skulptur, um die Einzelfigur in ihrer Individualität neu zu definieren. Die postmoderne Visualität der mediatisierten, zweidimensionalen Bildwelt transformiert sie in die singuläre Form der dreidimensionalen, figuralen Gestaltung. Der soziologische und anthropologische Blickwinkel als Fotografin weicht in der künstlerischen Ausarbeitung einer individuellen Auseinandersetzung mit der Masse als Ansammlung von Leuten mit individuellen Erfahrungen, Wünschen und Träumen.

In diesem Prozess der Transformation behält sie verschiedene Elemente des zweidimensionalen, fotografischen Mediums bei: Die in geringem Abstand zur Wand montierten Figuren sind in ihrer Silhouette bildhaft, Ausschnitte aus größeren (nicht sichtbaren) Gruppierungen, als Körper werfen sie jedoch Schatten.

Das Retardierende der manuellen künstlerischen Bearbeitung wird vom Betrachter als intensives und spannendes Schauerlebnis nachvollzogen. Jeder Einzelfigur, die sie mit der Säge aus Holzplatten formt und bemalt, widmet sie allergrößte Aufmerksamkeit, um sie mit ihrer persönlichen Geschichte aufzuladen (Sabrina Horak). Betrachtet man diese Figuren näher, was dem Zoom-Vorgang in der Kamera entspricht, kann man feststellen, dass keine der anderen gleicht, alle aber in ihrer charakteristischen Bewegung, der Alltagskleidung, am Weg zum Arbeitsplatz oder beim Einkaufsbummel, plaudernd, essend, oder telefonierend, wie in der Endlosschleife einer Webcam auf den belebten Plätzen der Weltstädte von der Künstlerin bis ins Detail beschrieben werden.

 
Beach II, 2008, Acryl auf Spanplatte, 205 x 205 cm  
 


Das Interesse an einer feinen Differenzierung und das narrative Moment rufen eine, bei näherer Betrachtung phantastische Vielfalt der Bilderzählungen hervor und erzeugen ein charakteristisches Spannungsfeld im Hinblick auf den scheinbar objektiven, Alles vereinheitlichenden, fotografischen Blick. Durch diese Sichtweise werden von der Künstlerin aktuelle Fragen aufgeworfen, wie die nach dem Stellenwert des Individuums in der Konsumgesellschaft sowie nach den Möglichkeiten politischer Manipulation. In ihren Installationen zerfällt der Komplex der Menschenmenge in einzelne Charaktere mit ihren einzigartigen Erfahrungen, Gedanken und individuellen Gefühlsregungen. Dabei verbindet Sabrina Horak Positionen der zeitgenössischen Kunst, wie das Thema des Individuums in der postmodernen Konsumgesellschaft im Medium Skulptur in der Arbeit von Stephan Balkenhol, mit der fotografischen Interpretation des Phänomens Masse und Freizeitverhalten in den Aufnahmen von Andreas Gursky, Thomas Struth und Massimo Vitali. Ähnlich wie in den Fotografien des Italieners zeigen ihre Strandszenen einen Mikrokosmos des rituellen Freizeitverhaltens. In ihrer Installation The Beach, 2008, bildet sie figurenweise die individuelle und doch massenkonforme Haltung Einzelner in ihren bemalten Holzfiguren nach. Aus den vielfältigen Bewegungen ergeben sich Gruppierungen, welche die, sich auch aus den Farbakzenten ergebende visuelle Dynamik der Komposition nach Zufallsprinzip für den davor stehenden Betrachter lebendig macht. Dadurch entsteht einerseits der Eindruck lebendiger Vielfalt, es stellt sich aber auch die Frage nach dem individuellen Spielraum innerhalb genormter Lebensräume.

 
   
   
  Crowd II, 2008, Acryl auf Spanplatte, 170 x 420 cm  
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